Nach der Blüte wenig Bemerkenswertes

Von den Ordinarien der Zeit zwischen 1625-1667 sind keine "Wirkungen und Nebenwirkungen" bekannt. Dreissigjähriger Krieg, Pest, Pocken und Flecktyphus tragen zum Niedergang der Fakultät entscheidend bei.

Tabelle der ordentlichen Professoren 1625-1711

Name und HeimatAnatomie gelehrtTheoretische Medizin gelehrtPraktische Medizin gelehrtNichtmedizinische Fächer gelehrt
Von Brunn Joh. Jakob,
Basel
1625 - 16291629 - 1660
Bauhin Joh. Caspar,
Basel
1629 -16601660 - 1685
Bauhin Hieronymus,
Basel
1660 - 16641664 - 1667
Burckhardt Joh. Rudolf I,
Basel
1664 - 16671667 - 16851685 - 1687Mathematik ab 1661
Glaser Joh. Heinrich,
Basel
1667 - 1675Griechisch ab 1665
Roth Jakob,
Basel
1675 - 16851685 - 16871687 - 1703
Eglinger Nicolaus,
Basel
1685 - 16871687 - 17031703 - 1711Physikus ab 1675
Harder Joh. Jakob
Basel
1687 - 17031703 - 1711Rhetorik ab 1678
Physikus ab 168

Der erste Ordinarius nach der letzten Pestepidemie war Johann Heinrich Glaser 1667-1668. Er hatte bereits 1664 erfolglos versucht Professor der Mathematik zu werden. Nach diesem Fehlschlag erhielt er die Professur für Griechisch und nach der Pestepidemie die Professur für Anatomie und Botanik. Er verfasste einen "Tractatus de Cerebro" und verewigte seinen Namen in der Fissura glaseri (F.petrotympanica). "Seine Behauptung, das Hirn werde bei Vollmond grösser und dies bedinge Aufregung und Schlafwandeln" hat sich allerdings nicht als Lehrmeinung durchsetzen können.

Über seinen Nachfolger Johann Rudolf Burckhardt ist ausser einem Bericht über einen Geisteskranken, der Messer und andere feste Gegenstände verschluckte, nichts Erwähnenswertes bekannt.

Auf Burckhardt folgt Jakob Roth, der sich durch seine Horaz-Übersetzung nicht aber durch seine medizinischen Publikationen einen Namen gemacht hat. Von Nicolaus Eglinger wird behauptet, er habe das Ordinariat seiner Frau zu verdanken gehabt. Sein Nachfolger Johann Jakob Harder erhielt durch die Machenschaften der Frau Eglingers erst 1687 das Ordinariat für Botanik und Anatomie. Vorher musste er sich mit einer Professur für Rhetorik, später mit einer Professur für Physik zufrieden geben. Harder wurde seinerzeit im deutschsprachigen Raum zu einem der berühmtesten Anatomen. Er war ein Mann grosser Ausstrahlung und ein begeisterter Lehrer. Seine Publikationen machten ihn im In- und Ausland so berühmt, dass er aufgrund seiner vielen Ämter später nicht mehr zur wissenschaftlichen Arbeit kam. Sein Hauptwerk "Apiarium" (Bienenhaus) umfasst einhundert Beschreibungen medizinischer Kuriositäten. Wichtig ist aber seine Publikation über das Innenohr, die zum Teil auf mikroskopischen Studien beruht. Verewigt wurde sein Name durch die Entdeckung einer akzessorischen Tränendrüse beim Hirsch, die heute noch als Harder'sche Drüse bekannt ist.

Tabelle der ordentlichen Professoren 1711-1800

Name und HeimatAnatomie gelehrtTheoretische Medizin gelehrtPraktische Medizin gelehrtNichtmedizinische Fächer gelehrt
Zwinger Theodor II,
Basel
1703 - 17111711 - 17111711 - 1724Eloq. ab 1684
Physikus ab 1687
Staehlin Joh. Heinrich,
Basel
1711 - 1721Eloq. ab 1706
Koenig Emanuel I,
Basel
1711 - 1731Griech. ab 1695
Physikus ab 1703
Zwinger Joh. Rudolf,
Basel
1721 - 17241724 - 1777Logikus ab 1712
Mieg Joh. Rudolf,
Basel
1724 - 17311731 - 1733
Koenig Emanuel II,
Basel
1732 - 17331733 - 1752
Bernoulli Daniel,
Basel
1733 - 1750Physikus 1750
Zwinger Friedrich,
Basel
1751 - 17521752 - 1776
Staehlin Joh. Rudolf,
Basel
1753 - 17761776 - 1800
De La Chenal Wernhard,
Basel
Anatomie
1776 - 1798
Botanik
1776 - 1800
Zwinger

Sein Nachfolger Theodor Zwinger II war der beliebteste Arzt in "Stadt und Land". Durch viele kleine Publikationen war er bestens bekannt. Er war Mitglied der Leopoldina und der Königlichen Gesellschaft in Berlin. Man überhäufte ihn mit Ehren und versuchte ihn - allerdings vergeblich - für Leyden, Kassel und Berlin zu gewinnen. Lange schon hätte er eine Professur in Basel verdient gehabt, doch erst mit dem Tode Roths konnte er die Professur für Anatomie und Botanik übernehmen. Er war "ausgestattet mit allen Eigenschaften, die einen grossen Arzt und klinischen Lehrer ausmachen: Beobachtungsgabe, die Kunst Typisches von Zufälligem zu scheiden, Klarheit des Denkens und vieles andere mehr". Sein "Theatrum Praxeos Medicae" dürfte das frühste Reallexikon der praktischen Medizin gewesen sein. Dennoch sagt der Chronist: "Seine wissenschaftlichen Arbeiten sind gross an Volum, aber von geringem wissenschaftlichem Wert".

Mit Emanuel König I ging es wieder wissenschaftlich bergab. Sein "Guldener Arzneischatz neuer niemals entdeckter Medikamenten" ist eine Sammlung von "Quacksalbereien, Haus-, Geheim- und Zaubermitteln aus aller Herren Länder", die einer Publikation im "Journal of Irreproducible Results" würdig gewesen wäre.

Johann Heinrich Staehelin und Johann Rudolf Mieg zeichneten sich im Gegensatz zu König wenigstens durch ihr grosses Engagement in der Lehre aus.

 Die Situation der Universität wird am Besten durch folgende Entscheidung illustriert:
"Man suchte den jungen Leuten das Leben in Basel so angenehm wie möglich zu machen. 1681 wurde deshalb eine Reitschule eingerichtet. Der Rat bewilligte Hafer, Heu und Stroh und "semel pro semper" 100 Reichstaler. Wir hören auch von der Anstellung eines Reit-, Fecht- und Tanzmeisters im Jahre 1726. Das half nicht viel. Saufen und raufen waren in Basel nicht Mode; man lebte gesittet und langweilig; Schlägereien mit Bürgern und Scharwache waren selten. Die Studenten spielten nicht die gleiche Rolle wie in den deutschen Landstädtchen Giessen, Erlangen und Marburg."

Monter a cheval

In den sieben Jahrzehnten zwischen 1730 und 1800 waren mehrere ehrenwerte, tüchtige und pflichttreue Ordinarii im Amt. Die bedeutendsten unter ihnen sind J.R. Zwinger, D. Bernoulli, W. de La Chenal und A. Mieg.

Bernoulli

Den grössten Ruhm unter ihnen erlangte der Physiker und Mathematiker Bernoulli, der 1723 zunächst als Anatom nach Basel und 1750 auch noch als Professor für Physik berufen wurde. Seine wenigen medizinischen Publikationen sind inhaltlich besonders interessant. Er konnte unter anderem erstmals nachweisen, dass sich das Zwerchfell bei der Ausatmung kontrahierte. Die von ihm entwickelte Wahrscheinlichkeitsrechnung spielt in der modernen medizinischen Forschung eine fundamentale Rolle.

Tabelle der ordentlichen Professoren 1777-1829

Name und HeimatAnatomie gelehrtTheoretische Medizin gelehrtPraktische Medizin gelehrtNichtmedizinische Fächer gelehrt
Mieg Achilles,
Basel
1777 - 1799
Stückelberger Joh. Jakob,
Basel
1801 - 1819Physikus zwischen 1805 - 1815
Hagenbach Carl Friederich,
Basel
1801 - 1808
Extraordinariat für Anatomie 1798
1808 - 1818
Burckhardt Joh. Rudolf II,
Basel
Anatomie
1808 - 1822
Botanik
1808 - 1826
1804 - 18081826 - 1829
Mieg

Achilles Mieg verdient hervorgehoben zu werden, weil er in Basel erstmals gegen Pocken impfte, und zwar die Kinder Bernoullis. Insgesamt führte er über 100 Impfungen (Variolationen = Einimpfungen echter Pocken) ohne Zwischenfall durch.

In den Jahren 1799-1800 starben alle medizinischen Ordinarii. "Die Medizinische Fakultät ist heute ausgestorben", schreibt an Silvester 1800 "mit Gruss und Bruderliebe" der Basler Regierungsstatthalter Zschokke dem Helvetischen Direktorium in Bern.

Da sich Regenz und Erziehungsrat über die Wahlprozedere der Medizinprofessoren zerstritten hatten, wurden zwei Professoren - J.J. Stückelberger und C.F. Hagenbach - vom "Supremo totius Republicae Helveticae Consilio" eingesetzt. Dieser Vorgang haftete den beiden neuen Ordinarien in Universitätskreisen stets als Makel an. Der Erziehungsrat verpflichtete die neuen Professoren, ihre Vorlesungen auf Deutsch abzuhalten. Die Vorlesungsankündigungen von Stückelberger blieben während seiner ganzen Amtszeit von 18 Jahren unverändert: Im Sommer machte Stückelberger Botanik-Exkursionen, im Herbst las er Osteologie und im Winter gab er Anatomie und Sezierübungen.

In den Jahren 1806 - 1814 stand das Schicksal der Medizinischen Fakultät wieder einmal auf der Kippe. Nur 4 Studenten hatten sich immatrikuliert, und es gab keine einzige Promotion.

Tabelle der ordentlichen Professoren 1818-1900

ZeitperiodeAnatomie, Chirurgie und GeburtshilfePhysiologie / PathologieEncyklopädie und Materia medicaMedizinische KlinikChirurgie und GeburtshilfeBotanik seit 1818 zur philosoph. Fakultät
1818-1829Jung
1822-1829
Burckhardt
Anatomie
1818-1822
Vakant
1818-1822
Meissner F.
1828-1829
Burckhardt
1818-1826
Röper
1828-1829
Vakant
1818-1826
Burckhard
1826-1829
Ab 1822 gesetzlich mit Anatomie vereinigtBurckhardt
1818-1826
Röper
1826-1829
Anatomie und medizinische KlinikPhysiologie / PathologieEncyklopädie und Materia medicaMedizinische Klinik mit Anatomie vereinigtChirurgie und GeburtshilfeBotanik bei der philosoph. Fakultät
1830-1835JungMeissner F.
bis 1837
Röper
bis 1836
MiegRöper
Anatomie und medizinische KlinikPhysiologie / PathologieBotanikMedizinische KlinikLehrstuhl aufgehobenChirurgie und Geburtshilfe
1836-1840JungMiescher I.
1837-1840
Meissner F.Mieg
1840-1844nominell Jung
faktisch:
Miescher I.
bis 1844
Miescher I
Bis 1844
Meissner F.Mieg
1844-1850nominell: Jung
faktisch: Ecker
Ecker
1844-1850
Meissner F.Mieg
Anatomie und PhysiologiePathologieBotanikMedizinische Klinik kein LehrstuhlChirurgie und Geburtshilfe
1850-1855BruchMiescher IMeissner F.Mieg
Anatomie und PhysiologiePathologische Anatomie
(gesetzl. Lehrstuhl 1855)
BotanikMedizinische Klinik
(gesetzl. Lehrstuhl 1855)
ChirurgieGeburtshilfe
1855-1857Meissner G.Miescher I.Meissner F.JungMieg
1857-1864HisMiescher I.Meissner F.JungMieg
1857-1862
Socin
1862-1864
1865-1872HisMiescher I.(Botanik 1866 zur philosoph. Fakultät)Liebermeister
Bis 1872
Socin
1865-1871
Bischoff
1868 - 1871
AnatomiePhysiologie
(getrennt von Anatomie 1872/73)
Pathologische AnatomieMedizinische Klinik
(gesetzl. Lehrstuhl 1855)
ChirurgiePsychiatrie
(gesetzl. Lehrstuhl 1875)
1872-1900Hoffmann
1872-1877
Kollmann
1878-1913
Miescher II
1872-1895
Metzner
1895-
Roth
1872-1898
Kaufmann
1898-1907
Immermann
1871-1899
Müller
1899-1902
Socin
1871-1899
Hildebrand
1899-1904
Wille
1875-1904
Geburtshilfe
(gesetzl. Lehrstuhl 1887)
Hygiene
(gesetzl. Lehrstuhl 1892)
1872-1900Bischoff
1872-1887
Fehling
1887-1894
Bumm
1894-1901
Burckhardt, Ablrecht
1892-

1813 wurde der Grosse Rat der Stadt aktiv und erliess ein neues "Gesetz wegen besserer Einrichtung löblicher Universität". Die Arbeiten an der Reform der Universität wurden aber durch Kriegswirren von Dezember 1813 bis Dezember 1817 unterbrochen. Im Dezember 1817 wurde beschlossen, "die Medizinische Fakultät nicht eingehen zu lassen, sondern beizubehalten und zu erweitern". Mit dem Erlass des Universitätsgesetzes von 1817 war die Medizinische Fakultät in die medizinische "Neuzeit" eingetreten. Die alte Aufteilung in Anatomie, Theoretische und Praktische Medizin wurde verlassen und Lehrstühle für definierte Fächer geschaffen. Damit wird ein neues Kapitel aufgeschlagen: "Die Geschichte der Lehrstühle".

Mit der Umsetzung liess man sich Zeit, gab es doch nur einen Studenten der Medizin. 1818 begann der Ausbau der Medizinischen Fakultät. Viele gesetzliche Lehrstühle wurden eingerichtet. 1822 kam C.G. Jung als Professor der Anatomie (vereinigt mit Chirurgie und Geburtshilfe). Jung widmete sich mit grossem Elan dem Ausbau der Anatomie und der Spitalabteilungen. Die politischen Wirren hielten aber immer noch an. Im Jahr 1833 trennten sich Stadt und Landschaft. "Die kleine Einwohnerschaft von Basel-Stadt (ca. 23'000 Seelen) besass Treue, Mut und Opferfreudigkeit genug", um ihre Universität dennoch nicht untergehen zu lassen.

1866 war für die Medizinische Fakultät ein bedeutendes Jahr, wurde doch ein sorgfältig vorbereitetes Universitätsgesetz beschlossen. Die Zahl der gesetzlichen Lehrstühle wuchs jetzt auf 4, 5 und schliesslich 8.